Die Migros treibt die bereits seit März diskutierte Neuordnung ihres Genossenschaftsmodells voran und will ihre zehn Regional-Genossenschaften zu einer zentralen «Gruppengesellschaft» fusionieren. Das Unternehmen bestätigte den Schritt an einer Medienkonferenz und orientiert sich damit an Konkurrentin Coop, die eine vergleichbare Zentralisierung bereits vor über 25 Jahren umgesetzt hat. Hintergrund sind strukturelle Probleme: Zehn eigenständige Genossenschaften verursachten laut «NZZ am Sonntag» «viele teure Doppelspurigkeiten, Kompetenzgerangel und langwierige Entscheidungsfindungen».
Der Weg zur Fusion ist jedoch mit erheblichen rechtlichen Hürden gespickt. Jede einzelne Regional-Genossenschaft muss dem Zusammenschluss zustimmen – und zwar mit einer Zweidrittels-Mehrheit. Zusätzlich verlangen die Statuten, dass sich bei Beschlüssen über Fusion oder Auflösung «mindestens ein Viertel aller Mitglieder an der Stimmabgabe» beteiligt. Diese 25-Prozent-Schwelle erwies sich in der Vergangenheit als anspruchsvoll: Selbst bei der Urabstimmung über die Abschaffung des Alkoholverbots im Sommer 2022 erreichten nur fünf Genossenschaften diese Stimmbeteiligung, während Genf, Neuenburg/Freiburg, Tessin, Waadt und Wallis darunter blieben.
Erfahrungen früherer Zusammenschlüsse zeigen, wie aufwendig es sein kann, die Mitglieder an die Urne zu bringen. Ein Kadermitglied erinnert sich an die Fusion der Migros Bern und der Migros Aargau/Solothurn zur Migros Aare im Jahr 1998: Damals habe man «mit Aktionen gepowert und zum Mitmachen animiert». Wer abstimmte, nahm an Verlosungen von Rabattkarten und Gratiseinkäufen teil – erst so sei die geforderte Stimmbeteiligung erreicht worden. Heute denkt die Migros-Führung laut «NZZ am Sonntag» darüber nach, die riskanten Urabstimmungen mit juristischen Kniffen ganz zu umgehen. Die deutliche Niederlage bei der Abstimmung zum Alkoholverbot – keine einzige Regional-Genossenschaft stimmte zu, Migros Zürich lehnte mit über 80 Prozent Nein-Stimmen ab – wirkt offenbar nach. Auf die Frage, was passiert, wenn weder Zweidrittels-Mehrheit noch 25-Prozent-Quorum überall zustande kommen, blieben Migros-Chef Mario Irminger und Verwaltungsratspräsidentin Ursula Nold ausweichend. Irminger verwies lediglich darauf, die Schweiz habe «viel Erfahrung mit Abstimmungen».
Bereits der jüngste organisatorische Zwischenschritt hatte die Lage bei der Migros komplizierter gemacht, statt sie zu vereinfachen. Mit der Gründung einer Supermarkt-AG wollte der Konzern das Supermarktgeschäft «in einer zentral gesteuerten eigenständigen Gesellschaft» bündeln, um «effektive Leistungen entlang der ganzen Wertschöpfungskette» zu erbringen. In der Praxis läuft der Einkauf seither jedoch nicht nur über die zehn Regional-Genossenschaften, sondern zusätzlich über die neue Gesellschaft – mit spürbaren Folgen für die Kundschaft. Seit letztem Sommer berichten Filialen immer wieder von halbleeren Regalen, etwa im Müesli-Sortiment, und Online-Kunden erhalten regelmässig nicht die gesamte bestellte Ware. Vor diesem Hintergrund soll die nun geplante Fusion der Regional-Genossenschaften die Strukturen verschlanken. Ob die Migros die hohen demokratischen Hürden auf dem Weg zu einer einheitlichen «Gruppengesellschaft» tatsächlich überwinden kann, ist indes offen.


